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UPEichhornstraße noch 2017 beendet

Würzburgs Flaniermeile

Würzburgs Flaniermeile pixelflight

Ein Mammutprojekt: Mehr als vier Jahre dauerte die Bauzeit für die Fußgängerzone Eichhornstraße. Entstanden ist eine moderne Flanier- und Einkaufsmeile, die Würzburg gut zu Gesicht steht.

von Rainer Adelmann

Einkaufszentrum 2.0 hatten wir vor drei Jahren getitelt, als wir ausführlich über die Planungen zur neuen Fußgängerzone Eichhornstraße berichteten. Damals war gerade der westliche Teil vor dem Geschäftshaus Hof Emeringen und rund um die Martinstraße fertig geworden. Aber zum großen Teil glich die Eichhornstraße einer Mondlandschaft mit Kratern und Löchern. Baumaschinen und Arbeiter bevölkerten die Straße – Dreck, Staub und Lärm lagen in der Luft.

Und das sollte auch die nächsten Jahre so bleiben: Die Baustelle wanderte nach und nach und Monat für Monat weiter in östliche Richtung. Derzeit laufen die letzten Aufräumarbeiten, noch dieses Jahr wird die Eichhornstraße fertiggestellt sein, so Projektleiter Holger Döllein gegenüber dem UP Magazin. Die Umwandlung in eine Fußgängerzone ist vollzogen. Vergangenheit sind der Parkplatzsuchverkehr und die Autos, die auf dem kleinen Platz im östlichen Teil der Eichhornstraße die Sichtachse zwischen Marktplatz und Semmelstraße verstellen.

Die komplette Planung und Gestaltung der Fußgängerzone Eichhornstraße – und Spiegelstraße – wurde von Steinbacher Consult erstellt. Die Ausführung der Oberflächengestaltung lag mit der Würzburger Pflasterbau aus Veitshöchheim und Burger Bau aus Bad Kissingen bei Firmen aus der Region. Auch die Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination war mit der Firma Arz Ingenieure in der Hand von heimischen Fachleuten.

Mit der Fertigstellung der Eichhornstraße liegt man zwar über dem Zeitplan, denn vor drei Jahren wurde das Ende des Bauabschnitts 3.1, also östliche Eichhornstraße, noch mit Ende 2016 angegeben. Schwierigkeiten und Verzögerungen sind aber bei solch einem Großprojekt wie der Fußgängerzone Eichhornstraße nicht auszuschließen.

So nahm unter anderem die archäologische Begutachtung eine längere Zeit in Anspruch. Unter dem Asphalt kam immer wieder das alte Würzburg zum Vorschein. Spektakulär war ein alter Brunnen, der längere Zeit zu sehen war, bevor er unter dem neuen Pflaster verschwand – natürlich nicht bevor er archäologisch erfasst war.

Das alte Würzburg unter dem Pflaster
Im Gespräch mit dem UP Magazin erläuterte Dieter Heyse, Inhaber von BfAD Heyse, Einzelheiten zu den Funden in der Eichhornstraße. BfAD steht für Büro für Ausgrabungen und Dokumentationen, denn in den Bundesländern ist der Umgang mit archäologischen Überlieferungen gesetzlich festgelegt. In den Vorgaben ist festgeschrieben, dass und wie die archäologischen Funde dokumentiert werden müssen.

Das heißt, das Büro Heyse arbeitet mit Digitalfotografie und Dias, mit maßstabsgetreuen Zeichnungen und sogar mit 3-D-Laserscans. Dieter Heyse machte aber auch deutlich, dass in den Bereichen, in denen die starren Leitungen verlegt werden, die Archäologie komplett verschwunden ist.

Links: Und das ist drunter – ein Schichtenaufbau sorgt für eine robuste und langlebige Oberfläche der Eichhornstraße: Zunächst kommt eine Frostschutzschicht, darüber eine Tragfähigkeits- und Sauberkeitsschicht zur gleichmäßigen Lastverteilung, es folgt Drainaspahlt und darüber der Bettungsmörtel. Eine Haftbrücke verbindet schließlich mit dem hellen Granitpflaster aus dem Bayerischen Wald. | Foto: Stadt Würzburg, Fachabteilung TiefbauLinks: Und das ist drunter – ein Schichtenaufbau sorgt für eine robuste und langlebige Oberfläche der Eichhornstraße: Zunächst kommt eine Frostschutzschicht, darüber eine Tragfähigkeits- und Sauberkeitsschicht zur gleichmäßigen Lastverteilung, es folgt Drainaspahlt und darüber der Bettungsmörtel. Eine Haftbrücke verbindet schließlich mit dem hellen Granitpflaster aus dem Bayerischen Wald. | Foto: Stadt Würzburg, Fachabteilung TiefbauSchließlich werden hier Rohre für Gas, Wasser und Heizung verlegt, die man nicht nach Belieben umleiten kann.
Was übrig bleibt sind die Funde, also Scherben, Metallteile und bisweilen sogar ein ganzer Keramiktopf – auch Teile des alten Pflasters aus dem 16. Jahrhundert wurden aufgehoben. Eigentümer bleibt die Stadt, zunächst gehen die Funde aber ins Landesamt für Denkmalpflege zur Sichtung.

Überraschend für Dieter Heyse war, dass der erste Siedlungshorizont ganze 1,50 Meter tiefer liegt als heute, was ihn eine Art Zwischeneiszeit oder besonders ausgeprägte Hochwässer vermuten lässt. In den Fels, hier Muschelkalk, sind Gruben eingelassen – für Pfosten oder als Vorratsgruben. Aus den Funden in den Gruben lässt sich die Zeit um das 8. Jahrhundert schließen, also die Zeit der Gründung des Würzburger Bistums.

Eine Überraschung gab es auch bei den Bauarbeiten im östlichen Teil der Eichhornstraße. Man wusste zwar von einem Stadttor, doch es lag nicht direkt an der Theaterstraße sondern weiter westlich. Dies ließ den Schluss zu, dass die Theaterstraße schon immer Straße war – freilich direkt vor der Stadt, die durch eine Mauer und einen Graben geschützt war.

Bei den Arbeiten stieß man auf Gewölbe, die sich als Brückenbögen über den Befestigungsgraben entpuppten. Der Graben war im 16. Jahrhundert zugeschüttet worden, wobei diese Bögen als Gewölbe und später als Keller genutzt wurden. Die Reste des alten Stadttores liegen größtenteils tiefer als man bei den Bauarbeiten aushob.

Deshalb ließen sich das genaue Aussehen und die exakte Lage nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Dies ist auch der Grund, warum man letztlich davon absah, die Konturen des Stadttors im modernen Pflaster sichtbar nachzulegen. Für sinnvoll hält es die Stadt Würzburg, am Ende der östlichen Eichhornstraße eine Stele aufzustellen, die über die Archäologie in diesem Bereich informiert. Dies würde auch Dieter Heyse begrüßen.

Normalität kehrt zurück
Natürlich war die lange Baustelle eine Belastung für die Anwohner und Geschäftsleute. Die Kundschaft wurde weniger, finanzielle Einbußen waren unvermeidlich. So lange wie die Baustelle gedauert hat, so lange wird es wohl auch dauern, bis sich der Umsatz wieder eingependelt hat, schätzt Joachim Drescher. Er ist Inhaber des Modehauses Drescher und Sprecher der Geschäftsleute der Werbegemeinschaft „Würzburgs Neue Mitte“, die sich selbst „Eichhörnchen“ nennen – wegen des Maskottchens, das als Emblem auch Einzug ins Pflaster gefunden hat. Übrigens: Auch auf den Abfallbehältern werden später Eichhörnchen zu sehen sein.

Den „Eichhörnchen“, den Mitarbeitern der Stadtverwaltung und den beteiligten Firmen gelang etwas, das für eine Großbaustelle dieser Art nicht selbstverständlich ist: ein verständnisvoller und freundschaftlicher Umgang miteinan

der – auch wenn die Nerven wegen der Baustellenbelastung sicher auch einmal blank gelegen haben dürften.

Von Anfang an suchten alle Beteiligten das Gespräch, man traf sich, und sogar Freundschaften entstanden. Für die Arbeiter gab es immer mal ein Tässchen Kaffee und bei rauem Wetter ein Hustenbonbon für den Hals. Man versuchte, Verständnis für die andere Seite aufzubringen und bei Problemen gemeinsam Lösungen zu finden.

Je mehr die Baustelle in östliche Richtung wanderte, kehrte hinter ihr wieder Normalität ein. Gastrobetriebe nutzten die neue Fläche zur Bestuhlung. Bäume und Sitzgelegenheiten wurden eingerichtet und gerne von den Fußgängern angenommen, die in der Eichhornstraße flanieren. Spektakulär wurde es an der Kreuzung Eichhornstraße zur Spiegelstraße, wo Deutschlands größter QR-Code nach dem städtebaulichen Entwurf von Steinbacher Consult ins Pflaster eingesetzt wurde. In einer unserer früheren Ausgaben ließen wir den Platz für das UP Magazin mit einer Drohne befliegen, um den Platz aus der Vogelperspektive zu erkunden.

Dass es mit der Eichhornstraße nach der mehrjährigen Bauzeit wieder aufwärts geht, sieht Joachim Drescher an der Zahl der Touristen, die im Sommer wieder die Straße frequentierten. Sie sind für ihn ein Indikator, dass auch die Kundschaft wieder zurückkehrt. Wer im Sommer das lebendige Treiben in der nun weiträumigen Straße gesehen hat, für den bestehen ohnehin keine Zweifel, dass die neue Fußgängerzone auf Dauer ein Erfolgsrezept ist. „Wir haben die einzige ‚richtige‘ Fußgängerzone Würzburgs“, betont Joachim Drescher. Denn sowohl Schönborn- als auch Domstraße würden durch die Straßenbahn geteilt.

Letzte Aufräumarbeiten (oben): Die Fußgängerzone Eichhornstraße wird bis zum Jahresende fertig sein. | Foto: Rainer AdelmannLetzte Aufräumarbeiten (oben): Die Fußgängerzone Eichhornstraße wird bis zum Jahresende fertig sein. | Foto: Rainer AdelmannWas im östlichen Teil der Eichhornstraße noch fehlt, sind die Bäume. Die Aussparungen sind fertig und wenn alles klappt, sollen die drei Bäume noch im November gepflanzt werden. Bei den Neupflanzungen in der Eichhornstraße achtete das Gartenamt bewusst darauf, nicht überall die gleiche Sorte zu setzen. So will man vermeiden, dass bei einem möglichen Virus- oder auch Insektenbefall nicht alle Bäume gleichzeitig betroffen sind und die komplette Straße plötzlich entlaubt ist. Und: Auch im östlichen Teil darf ein

Lichtband nicht fehlen: Wie im westlichen Teil vor dem Geschäftshaus „Hof Emeringen“ ist es ins Pflaster eingelassen.

Noch ist es zwar nicht so weit, aber Joachim Drescher ist überzeugt, dass die Gemeinschaft der „Eichhörnchen“, zu der auch Geschäftsleute aus der Spiegelstraße zählen, auch nach Abschluss der Bauarbeiten zusammen bleiben wird. Schon jetzt sind weitere Aktionen geplant. Weihnachtliche Atmosphäre schafft beispielsweise eine Krippenausstellung, bei der in vielen Schaufenstern in der Eichhornstraße Krippen zu bewundern sind. Für das nächste Jahr ist außerdem wieder ein großes Fest im Frühjahr geplant, für das bereits eigens Zeltpavillons angeschafft wurden.

Brandneu ist der Internetauftritt der Werbegemeinschaft „Würzburgs Neue Mitte“, der mit Unterstützung des Handelsverbands Bayern auf den Weg gebracht wurde. Für den Handelsverband ist die Website ein Pilotprojekt, bei dem man unter anderem untersuchen will, wie man den Internet-aufritt von Werbegemeinschaften optimieren kann.

Spiegelstraße geht weiter
Während die Eichhornstraße ihrer baldigen Fertigstellung entgegensieht, wird es in der Spiegelstraße noch weitergehen. Dort sind noch Tiefbauarbeiten im Gang. Der Zeitplan sieht einen Abschluss der Bauarbeiten für das Frühjahr 2019 vor. Sobald die starren Leitungen gelegt sind, zieht auch die Oberflächengestaltung nach. Der verwendete bayerische Granit der Firma Kusser kommt aus dem gerade einmal 300 km entfernten Bayerischen Wald, wo er bedarfsgerecht für die Baustelle abgebaut wird. Die Dauerhaftigkeit des Granits in Verbindung mit kurzen Transportwegen reduzieren den CO2 Ausstoß auf ein Minimum und leisten somit einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz.

Mit der neuen Fußgängerzone Eichhorn- und Spiegelstraße wächst der Fußgängerbereich in Würzburg auf beträchtliche 54.000 Quadratmeter an. Damit kommt man dem städtischen Ziel entgegen, statt eines großen Einkaufszentrums eine attraktive Fußgängerzone zu schaffen, die zum Flanieren und Einkaufen einlädt.

Wenn die Spiegelstraße fertig ist, kann auch endlich wieder der Bus fahren, dessen Trasse unter dem Pflaster in der Fußgängerzone eigens verstärkt wurde. Immer wieder wurde Projektleiter Holger Döllein während der Bauzeit danach gefragt, ob denn der Bus tatsächlich wieder fahren würde – schließlich ist er gerade für ältere Mitbürger für ihren Weg in die Innenstadt wichtig. Die gute Nachricht also: Die Linien 6 und 16 werden wie früher ihren Weg durch die Spiegelstraße nehmen. Die Haltestelle wird sogar fast an derselben Stelle liegen, wie vor den Bauarbeiten.

Was der Eichhornstraße Recht ist, ist der Spiegelstraße billig: Analog zu den Eichhörnchen werden in der Spiegelstraße – was sonst - Spiegel das Pflaster zieren. Wie begehrt die Objekte sind, sieht man daran, dass in der Eichhornstraße in falsch verstandener Sammelleidenschaft schon Eichhörnchen aus dem Pflaster herausgebrochen wurden.

 

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